NAV-Rendite: Äpfel mit Äpfeln vergleichen

Das 30-Jahres-Bild ist als Kostenvergleich korrekt, aber es steht und fällt mit der Rendite-Definition. Diese Seite macht die Annahmen transparent: brutto vs. netto, Effektivkosten (RIY) und warum Rendite in der Praxis auch eine Verhaltens- und Service-Frage ist.

Kernaussagen

  • Eine Renditeannahme ist nie neutral: Sie impliziert Asset Allocation, Risiko und Durchhaltefähigkeit.
  • Bruttorendite vor Kosten ist nicht Nettorendite; Effektivkostenquote (RIY) ist die klarste Darstellung der gesamten Kostenbelastung.
  • Wer nur Kosten vergleicht, übersieht oft die Frage, ob laufender Service tatsächlich stattfindet und Mehrwert erzeugt.

Wenn man 30 Jahre konstante 6 % Bruttorendite vor Kosten annimmt und alle Modelle bei identischer Rendite laufen lässt, ist das Bild eindeutig: Ein NAV-Modell zahlt über die Zeit typischerweise mehr Gebühren und endet mit weniger Vermögen als anfangsbelastete Modelle.

Dieses Bild ist nicht falsch. Es ist nur nicht das ganze Bild.

Kurzfazit

Die Zahl „6 %“ ist in Modellrechnungen oft ein Platzhalter. In der Praxis steht sie für eine Kette von Annahmen: Vermögensaufteilung (Asset Allocation), Kostenkomponenten, Durchhaltefähigkeit, Rebalancing und die Frage, ob laufender Service tatsächlich stattfindet. Wenn diese Annahmen nicht passen, kann aus „6 %“ schnell „irgendwas unter 4 %“ werden.

6 % brutto sind nicht 6 % netto

In unseren Beispielen ist „6 %“ brutto vor Kosten gesetzt. Das ist fair für einen reinen Kostenvergleich, aber es wird häufig missverstanden: Netto-Rendite ist Brutto minus aller Kosten.

Eine gute Darstellung für die gesamte Kostenbelastung ist die Effektivkostenquote (RIY). RIY ist die Renditeminderung in Prozentpunkten, die durch alle Kosten entsteht. Sie ersetzt keinen Tarifvergleich, aber sie hilft, grobe Plausibilitäten zu prüfen.

Vereinfachte Daumenregel: Wenn eine Ziel-Nettorendite von 6 % p. a. gewünscht ist, muss die Bruttorendite um die RIY höher liegen.

Beispielhafte RIYNetto bei 6 % BruttoNötige Brutto-Rendite für 6 % Netto
1,0 %ca. 5,0 %ca. 7,0 %
2,1 %ca. 3,9 %ca. 8,1 %
3,0 %ca. 3,0 %ca. 9,0 %

Wer also im Kopf „6 %“ als Netto abspeichert, diskutiert schnell aneinander vorbei. Gerade bei fondsgebundenen Produkten ist es entscheidend, ob man über Bruttorendite, Nettorendite oder über RIY spricht.

Wofür die „6 %“ in Wahrheit stehen

Sechs Prozent konstant über Jahrzehnte sind nicht „eine Zahl“, sondern ein Profil:

  • Es impliziert eine risikoreichere Kapitalanlage als 3 % (hoher Aktienanteil, höhere Schwankung).
  • Es impliziert, dass der Kunde investiert bleibt, auch wenn es zwischendurch hart wird.
  • Es impliziert, dass Kosten in Fonds (TER, Transaktionskosten) und im Versicherungsmantel nicht zu hoch sind.
  • Es impliziert, dass Beiträge nicht ausgerechnet in schwachen Phasen pausiert oder gekündigt werden.

Das ist kein Argument gegen einen Brutto- oder Netto-Tarif. Es ist der Hinweis, dass ein Vergleich ohne saubere Rendite-Definition schnell „Äpfel mit Birnen“ wird.

Warum „ohne laufende Betreuung“ 6 % oft die falsche Ausgangsfrage ist

Der Punkt ist weniger, ob ein Modell 6 % „kann“. Rendite entsteht nicht durch die Tariflogik. Rendite entsteht durch Portfolio, Verhalten und Disziplin.

Genau hier wird die Anreizfrage praktisch: Bei anfangsbelasteten Modellen ist die Vergütung früh realisiert. Im NAV-Modell existiert ein finanzieller Grund, über Jahre zu begleiten: Portfolioumbau, Rebalancing, und vor allem Behavioral Coaching in Stressphasen.

In unseren Beispielrechnungen modellieren wir diesen Effekt nicht als „magische 3 % p. a.“, sondern konservativ als 0,5 bis 1,0 % p. a. Beratungs-Alpha und zeigen, wie schnell sich die reine Kostenlogik dreht. Das steht mit Herleitung unter Was, wenn laufende Beratung Mehrrendite erzeugt?.

ETF-Depot vs. Versicherungsmantel: wieder Äpfel und Birnen

Wer reinen Vermögensaufbau ohne Versicherungsbedarf verfolgt, kann mit einem ETF-Sparplan kostengünstiger fahren — darauf weist der Scope dieser Seite hin. Aber bevor der reine Kostenvergleich geführt wird, zwei Punkte vorab: Erstens gibt es auch für Depots Beratung — Banken, Plattformen und Honorarberater bieten sie an, aber sie kostet extra. Zweitens muss bei „Depot vs. Fondspolice" der Steuereffekt berücksichtigt werden: Umschichtungen innerhalb eines Versicherungsmantels lösen keine laufende Kapitalertragsteuer aus, und bei der Auszahlung greifen nachgelagerte Besteuerung oder Ertragsanteilbesteuerung. Der Vergleich „NAV mit laufender Beratung“ zu „ETF-Depot ohne Beratung“ hinkt: Beim typischen ETF-Sparplan gibt es keine laufende Betreuung, also auch kein Behavioral Coaching. Das größte Einsparpotenzial läge darin, alles selbst zu machen. Doch selbst mit Finanzbildung hilft das nicht, wenn die Märkte 30 % einbrechen und die Versuchung zum Panikverkauf kommt — dann fehlt schlicht die zweite Person, die gegensteuert. Umgekehrt: Wenn es zu gut läuft, neigen viele zu aktivem Trading. Barber und Odean (2000) zeigen in einer Stichprobe von über 66.000 US-Haushalten: Die aktivsten 20 % der Anleger erzielten netto nur rund 10 % p. a., der Markt lag bei 17,9 % — „Trading is hazardous to your wealth“. Beides, Panikverkauf in Crashs und Überaktivität in Boomphasen, spricht für Begleitung, nicht nur in der Krise.

Hinzu kommt bei der Rentenversicherung die Absicherung des Langlebigkeitsrisikos — die Versicherung trägt das Risiko, dass Sie länger leben als die statistische Lebenserwartung. Ein reines ETF-Depot bietet das nicht. Das ist kein Plädoyer gegen ETF-Sparpläne, sondern die Einordnung: Wer nur Kosten vergleicht, muss gleiche Leistung und gleiche Steuereffekte unterstellen.

Wer wird dafür bezahlt, dass aus 6 % brutto auch netto wird?

„6 % brutto“ ist in der Praxis kein Automatismus. Damit aus einer Bruttorendite eine Nettorendite wird, muss jemand über die Laufzeit Arbeit leisten, sonst frisst sich ein Teil der Rendite durch Kosten, Trägheit und Verhaltensfehler auf.

Ein paar typische Bausteine, die über Jahrzehnte zählen:

  • Fonds-/Portfolioauswahl (nicht einmalig, sondern wiederholt): Fondswelt, Kosten, Stildrift, Managerwechsel, Produktänderungen.
  • Laufendes Monitoring: Was hat sich im Vertrag, im Fonds, in den Kostenkomponenten geändert?
  • Rebalancing: Disziplinierte Rückführung auf das Risikoprofil, statt „laufen lassen“.
  • Behavioral Coaching: Das Entscheidende passiert oft in Crashs. Wer dann falsch handelt, verliert nicht 0,2 %, sondern Jahre.
  • Ablaufmanagement vor Rentenbeginn: Die letzten fünf bis zehn Jahre erfordern systematische Umschichtung in schwankungsärmere Anlagen, damit ein Markteinbruch kurz vor Auszahlung das Ergebnis nicht zerstört. Parallel stehen steuerlich komplexe Auszahlungsentscheidungen an (Kapitalabfindung, Verrentung, Teilentnahmen, Halbeinkünfteverfahren). Diese Phase ist oft die werthaltigste Beratungsleistung im gesamten Vertragsleben.

Risikoprofil im Angebotsprozess: So wird die Rendite schon vor dem Abschluss „eingestellt“

Im Leben-/Rentenangebot läuft es praktisch immer gleich: Es gibt Fragen zu Anlegererfahrung, Anlagezielen, Verlusttragfähigkeit und Risikoneigung. Das ist sinnvoll. Es ist aber auch eine Stelle, an der die spätere Rendite mechanisch vorentschieden wird.

Wenn Kapitalmärkte nur unvollständig erklärt werden, passiert etwas sehr Typisches: Der Kunde wählt „low risk“, weil er Schwankung mit „Gefahr“ gleichsetzt. In der Konsequenz landet das Portfolio in einer Allokation, die langfristig kaum Chancen hat, Größenordnungen wie „6 % netto“ überhaupt zu erreichen. Das ist kein Produktproblem. Das ist ein Erwartungs- und Aufklärungsproblem.

Risikoprofil im Angebot und erreichbare Nettorendite (modellhafte Illustration)Illustration mit drei Risikoprofilen (defensiv, ausgewogen, chancenorientiert). Für jedes Profil wird ein breites Brutto-Renditeband gezeigt sowie die daraus abgeleitete Netto-Bandbreite nach Abzug einer Effektivkosten-Annahme (RIY). Eine Linie markiert ein Ziel für die Nettorendite.Ziel netto: 6 %defensivausgewogenchancenorientiert0 %2 %4 %6 %8 %10 %Brutto-Band (modellhaft)Netto-Band nach RIY
Abb.: Risikoprofil setzt das Anlageuniversum – und begrenzt damit, was als Nettorendite überhaupt plausibel ist.
Hinweis: Die Bänder sind bewusst breit und nur didaktisch (keine Prognose, keine Anlageberatung). RIY wird als konstante Renditeminderung modelliert: Netto = Brutto − RIY. Standardwerte: RIY 2,1 % (EIOPA-Durchschnitt für fondsgebundene Produkte) und Ziel-Netto 6 % p. a. Interaktiv können beide Werte variiert werden. Quelle und Einordnung zur RIY-Metrik stehen unter Kostenkontext.
Ziel netto: 6 %defensivausgewogenchancenorientiert0 %2 %4 %6 %8 %10 %Brutto-Band (modellhaft)Netto-Band nach RIY
2,10 %
6,00 %

Rechenbrücke: Für 6,00 % netto braucht es bei 2,10 % RIY grob 8,10 % brutto (Ziel netto + RIY). Die Bänder sind bewusst breit und dienen nur der Intuition, nicht als Renditeprognose.

In diesem Modell können das Ziel erreichen: chancenorientiert .

Die Frage dahinter ist erneut die gleiche: Wird der Vermittler dafür bezahlt, diese Aufklärung sauber zu leisten?

Bei anfangsbelasteten Modellen ist die Vergütung nach dem Abschluss weitgehend realisiert. Ob der Kunde im Profil „zu defensiv“ gelandet ist und deshalb über Jahre Rendite liegen lässt, hat wirtschaftlich oft kaum Rückkopplung auf den Vermittler.

Im NAV-Modell existiert diese Rückkopplung eher: Wenn der Kunde aufgrund sauberer Aufklärung ein passendes (nicht „maximales“) Risikoprofil wählt, das langfristig bessere Nettorendite erlaubt, steigt tendenziell das Vertragsvermögen und damit die Vergütungsbasis. Das ist der Kern der Anreizlogik.

Wichtig als Gegenpunkt: Auch NAV ersetzt keine Geeignetheitsprüfung. Und ein %AUM-Anreiz kann im Extremfall auch dazu verführen, Risiko zu „verkaufen“. Deshalb ist der regulatorische Rahmen entscheidend: IDD und VAG § 48a adressieren genau diese Konflikte; die Einordnung und Quellen haben wir im Abschnitt Was die Regulierung verlangt.

Und jetzt die unbequeme, aber zentrale Strukturfrage: In einem typischen Brutto- oder Netto-Modell mit anfangsbelasteten Kosten ist diese Arbeit nach dem Abschluss wirtschaftlich schlecht abgesichert. Die Vergütung ist „verdient“, der Kunde läuft im Bestand. Es kann trotzdem passieren, weil ein Vermittler sehr gewissenhaft arbeitet. Aber das ist dann Charakter, nicht Architektur.

Im NAV-Modell ist es umgekehrt: Wenn sich das Vertragsvermögen gut entwickelt, wächst die Vergütungsbasis. Wenn es durch schlechte Allokation, zu hohe Fondskosten oder falsches Verhalten leidet, schrumpft sie. Deshalb ist NAV strukturell das Modell, das am ehesten bezahlt, dass sich jemand um die Nettorendite kümmert.

Wichtig als Einordnung: Es gibt auch Netto-Varianten mit laufender Servicegebühr, die diesen Effekt teilweise nachbilden. Und auch NAV ist nicht konfliktfrei (Vermögen im Vertrag halten vs. freigeben). Aber wenn Sie sich fragen, warum „6 % netto“ in der Realität oft nicht ankommt, ist der Vergütungsanreiz nach dem Abschluss einer der ersten Hebel, den man prüfen sollte. Die konkreten Konfliktverschiebungen zeigen wir im Vergleich.

Wie man die Charts fair liest

Wenn Sie das 30-Jahres-Bild zuerst zeigen wollen, ist das sinnvoll. Es erdet die Debatte: NAV erzeugt über 30 Jahre die höchsten kumulierten Kosten, liegt bei der Ablaufleistung aber nur knapp hinter Netto und vor Brutto.

Direkt danach sollte aber die zweite Folie kommen: Welche Rendite ist in der Annahme gemeint (brutto oder netto)? Und welche Art von Betreuung ist realistisch, wenn der Vergütungsanreiz nach dem Abschluss abfällt?

Die Brücke zur Diskussion über Anreize, Service und Regulatorik liegt dann auf der Hand. Für diese Achsen ist der Einstieg über den Vergleich und die Beispielrechnungen am konsistentesten.

Kurz-FAQ

Sind 6 % p. a. brutto oder netto?
Brutto vor Kosten. Netto ist immer das Ergebnis nach allen Kosten. Wenn Sie „6 %“ als Netto-Ziel meinen, brauchen Sie bei 2,1 % RIY grob ~8,1 % brutto. Einordnung und Quelle zur RIY-Metrik: Kostenkontext.

Ist RIY das gleiche wie TER?
Nein. TER beschreibt die Fondskosten. RIY ist eine Gesamtkennzahl, die alle Kostenkomponenten als Renditeminderung zusammenfasst. Für die Praxis ist RIY die klarste Darstellung der gesamten Kostenbelastung.

Warum ist das Risikoprofil im Angebotsprozess so entscheidend?
Weil es das Anlageuniversum faktisch begrenzt. Ein zu defensives Profil kann Renditepotenzial dauerhaft abklemmen. Eine saubere Kapitalmarkt-Erklärung ist damit keine „Schönwetter-Aufgabe“, sondern Voraussetzung dafür, dass Renditeannahmen überhaupt sinnvoll sind.

Was hat das mit NAV zu tun?
Bei gleicher Rendite liegt NAV langfristig bei der Ablaufleistung knapp hinter Netto, aber vor Brutto. Es wird überzeugend, wenn laufende Vergütung laufenden Service finanziert, der Nettorendite/Ergebnis messbar verbessert (Fondsarbeit, Rebalancing, Behavioral Coaching). Die Modellrechnung dazu steht unter Beratungs-Alpha.