Was ist ein NAV-Tarif? Definition und Mechanik

Definition, Mechanik und regulatorischer Kontext: NAV ist eine Strukturfrage für das Spargeschäft — wann und wie Kosten entstehen, und welche Anreize daraus folgen.

Kernaussagen

  • NAV setzt ein Vertragsvermögen voraus — gilt nur für kapitalbildende Lebens-/Rentenversicherungen.
  • IDD und VAG verlangen, dass Vergütungsstrukturen nicht gegen das Kundeninteresse wirken. NAV erfüllt diese Anforderungen strukturell besser.
  • Ohne laufenden Service degeneriert auch ein NAV-Modell zu einer Gebühr ohne Gegenwert.
  • Vergleichbarkeit hängt von der Darstellung der Effektivkostenquote und konkreter Ausgestaltung ab.

Häufige Missverständnisse

  • NAV ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer Nettopolice.
  • NAV gibt es nicht bei Sachversicherungen — dort fehlt das Vertragsvermögen.

Definition: Ein NAV-basierter Tarif ist eine Vergütungs- und Kostenstruktur für kapitalbildende Lebens- und Rentenversicherungen, bei der die Vergütung des Vermittlers laufend und prozentual in Bezug auf das Vertragsvermögen bemessen wird — bezogen auf den Nettoinventarwert (englisch: Net Asset Value, kurz NAV) bzw. das aktuelle Vertragsguthaben. Der Versicherer zahlt die NAV-Vergütung als Provision aus seinen laufenden Kosten auf das Fondsguthaben (Gammakosten) an den Vermittler.

Voraussetzung: Ein Spargeschäft

NAV als Vergütungsbasis setzt voraus, dass ein Vertrag über die Laufzeit Vermögen aufbaut — typischerweise durch Investition in Fonds oder Portfolios. Das ist bei fondsgebundenen Lebens- und Rentenversicherungen der Fall.

Bei Sachversicherungen (Haftpflicht, Hausrat, KFZ etc.) gibt es kein angespartes Vermögen. Dort bleibt die Frage „Brutto oder Netto?" die zentrale Kostenachse. NAV ist dort kein Thema.

Sachversicherung vs. Kapitalbildende Versicherung: Wo NAV vorkommtZwei Spalten: Links Sachversicherung ohne Vermögensaufbau, nur Brutto/Netto. Rechts kapitalbildende Lebensversicherung mit wachsendem Vermögen, NAV möglich.Sachversicherung(Haftpflicht, Hausrat, KFZ …)Brutto / NettoKein VertragsvermögenNAV kein ThemaKapitalbildende LV(Spargeschäft, Fonds)Vermögen wächstBrutto / Nettooder NAVSpargeschäft?
Abb. 2: Sachversicherung vs. Kapitalbildende Lebensversicherung

Die zentrale Idee in einem Satz

Nicht nur „wer bezahlt" (Netto vs Brutto), sondern „wann und wie" Kosten entstehen.

Mechanik (vereinfacht)

Mechanik eines NAV-Tarifs: Von den Beiträgen zum Netto-VermögenFlussdiagramm: Beiträge in EUR fließen in Fonds, das Vermögen wächst, Kosten werden laufend als Prozentsatz vom NAV erhoben, es bleibt das Netto-Vermögen.Beiträge(EUR)Investiert(Fonds)VermögenwächstKosten(% vom NAV)Netto-Vermögen
Abb. 1: Mechanik eines NAV-Tarifs (vereinfacht)
  1. Beiträge fließen in den Vertrag und werden investiert (z. B. Fonds/Portfolios).
  2. Das Vertragsvermögen entwickelt sich mit Marktbewegungen.
  3. Kosten werden nicht primär als einmaliger, starker Startabzug erhoben, sondern laufend (häufig als Prozentsatz vom Vermögen oder als Kombination aus % und Fixbeträgen).

Was NAV NICHT automatisch bedeutet

  • Kein Garant für niedrigere Gesamtkosten.
  • Kein Garant für bessere Performance.
  • Kein Garant für „faire" Vergütung.
  • Kein Ersatz für gute Beratung oder Produktqualität.

In der Praxis können NAV-Tarife teilweise Anfangskomponenten (z. B. geringe Abschlusskosten) enthalten; unser Modell unterstellt vereinfachend keine Abschlussprovision.

NAV ist eine Vergütungs- und Vertragsarchitektur. Entscheidend sind die Höhe der laufenden Vergütung, Serviceumfang und Transparenz der Kostenstruktur.

Warum NAV in der Praxis attraktiv wirken kann

Vom ersten Euro an arbeitet typischerweise mehr Kapital im Markt, weil keine Abschlusskosten in den ersten Vertragsjahren anfallen. Allerdings bedeutet das nicht, dass gar keine Anfangskosten existieren; manche Tarife erheben Policengebühren oder administrative Einmalkosten. Ein externes Honorar wird in der Regel nicht aus dem Vertragsvermögen gezahlt und belastet den Vertrag daher nicht direkt, wohl aber den Kunden zusätzlich. Der Vorteil zeigt sich vor allem in den ersten Vertragsjahren und bei unsicherer Haltedauer.

Wie sich das in Zahlen ausdrückt (und ab wann laufende %Kosten den Vorteil aufholen), zeigen die Beispielrechnungen.

Die Vergütung des Vermittlers und die Kosteneinnahmen des Versicherers wachsen mit dem Vertragsvermögen. Das schafft eine laufende Interessengleichheit: Alle Beteiligten profitieren davon, dass es dem Vertrag gut geht. Anders als bei anfangsbelasteten Modellen, bei denen die Vergütung überwiegend mit dem Abschluss realisiert ist, bleibt der wirtschaftliche Anreiz zur Bestandspflege über die gesamte Laufzeit bestehen. In vielen Provisionsmodellen ist die Sofortprovision zwar mit einer laufenden Komponente kombiniert; der Schwerpunkt liegt aber typischerweise auf dem Abschluss.

Regulatorisch ist das relevant: IDD und VAG verlangen, dass Vergütungsstrukturen nicht gegen das Kundeninteresse wirken. NAV-Strukturen erzeugen tendenziell weniger Compliance-Risiko, weil die Anreize mit dem Kundeninteresse übereinstimmen. Den vollständigen regulatorischen Kontext behandeln wir im Vergleich.

Fondsauswahl, Rebalancing und Umschichtungen wirken sich direkt auf die Vergütungsbasis aus. Das incentiviert laufende Portfoliopflege. Und wenn Service regelmäßig erbracht wird (Portfolio-Monitoring, Rebalancing, Beratung bei Lebensereignissen), passt eine laufende Kostenlogik strukturell besser als eine einmalige Anfangsgebühr.

Was das wirtschaftlich für Vermittler bedeutet (Cashflow in den ersten Jahren vs. Bestandseffekt), behandeln wir unter Vergütung.

Wo NAV problematisch sein kann

Prozentuale Kosten auf Vermögen fallen auch dann an, wenn wenig aktiver Service stattfindet. Ohne echtes Fondsmanagement oder Betreuung fehlt der Gegenwert — das ist das Worst-Case-Szenario, das auch die BaFin bei ihrer Nettotarif-Kritik adressiert hat: Transparenz allein reicht nicht, der Kundennutzen muss nachweisbar sein.

Über lange Laufzeiten zeigt sich der Zinseszinseffekt auf der Kostenseite am deutlichsten. Eine jährliche Gebühr von 1,0 % auf ein wachsendes Vermögen kumuliert sich über 20 bis 30 Jahre zu einem Betrag, der viele überrascht. Die Frage ist nicht, ob die Kosten hoch werden, sondern ob sie durch laufenden Service gedeckt sind.

In Marktabschwüngen wirkt eine prozentuale Gebühr relativ stärker, weil der Kostensatz gleich bleibt, obwohl das Vermögen schrumpft. Die absolute Gebühr sinkt zwar mit dem Vermögen (bei -25 % Markt sinkt die Gebühr ebenfalls um ca. 25 %), aber die relative Belastung steigt. Bei anfangsbelasteten Modellen hat der Kunde die Kosten bereits bezahlt und kann sie nicht zurückbekommen, egal was der Markt macht. Die NAV-Vergütung ist die einzige, die im Abschwung mit dem Vermögen sinkt — die absolute Belastung geht zurück, auch wenn die relative Belastung steigt.

Vergleichbarkeit bleibt ein Praxisproblem. Effektivkosten (RIY) müssen in Deutschland zwar gesetzlich ausgewiesen werden, aber die Darstellung und der Detailgrad variieren zwischen Anbietern.

Häufiges Missverständnis

NAV ist doch einfach eine Nettopolice." Nein. „Netto" beschreibt primär, ob und wie Vertriebskosten separat bepreist sind. NAV beschreibt die zeitliche und strukturelle Art der Kostenerhebung. Beides kann sich überlappen, muss aber nicht identisch sein.

NAV gibt es doch auch bei Sachversicherungen." Nein. NAV setzt ein Vertragsvermögen voraus, das über die Laufzeit wächst. Das gibt es nur im kapitalbildenden Lebens- und Rentengeschäft. Sachversicherungen haben keinen Sparanteil — ebenso wenig wie reine Risikoversicherungen in der Lebensversicherung (z.\u00A0B. Risikoleben, BU).

Wenn Sie einen NAV-Tarif im Markt prüfen wollen

Diese Website nennt bewusst keine Anbieter. Aber Sie können trotzdem strukturiert prüfen, ob ein konkreter Tarif die NAV-Logik wirklich erfüllt und ob die laufende Gebühr ihren Gegenwert hat:

  1. Vergütungsbasis und Kostensatz: Ist klar definiert, worauf die laufende Vergütung berechnet wird (tatsächliches Vertragsvermögen, Fondsanteile, Policenwert) und wie der Satz bestimmt wird?
  2. Gesamtkosten statt Einzelposition: Liegen Effektivkosten (RIY) vor, oder sehen Sie nur eine einzelne Gebühr? Berücksichtigen Sie auch TER, Transaktionskosten und ggf. Rückvergütungen.
  3. Service-Gegenleistung: Welche laufenden Leistungen sind konkret zugesagt (Portfolio-Review, Rebalancing, Dokumentation, Krisenkommunikation)? Gibt es einen dokumentierten Betreuungsprozess (z. B. jährliche Portfolioüberprüfung, Rebalancing-Protokolle), oder sind die Leistungen nur allgemein zugesagt?
  4. Fehlanreize: Existieren zusätzliche Vergütungen (z. B. Bestandsprovisionen aus Fonds), die die Interessengleichheit wieder verwässern können?
  5. Szenariofähigkeit: Wie sieht das Produkt im frühen Ausstieg aus (Storno-Sensitivität) und wie bei langer Haltedauer (Zinseszinseffekt auf der Kostenseite)? Details dazu im Vergleich und in den Beispielrechnungen.

Wenn Ihre Frage eher lautet: „Wie überlebt man die Umstellung wirtschaftlich als Vermittler?“ ist die Einstiegsseite Vergütung die richtige.